Mit dem Fatbike durch die Namib-Wüste, Teil 6

Die Dünen sind auch der Grund, warum es nicht denkbar ist, mit nur einem Fahrzeug unterwegs zu sein. Würde das eine Fahrzeug eine Panne haben und eventuell auch noch das Satellitentelefon ausfallen, wüsste kein Mensch mehr, wo wir zu finden sind. Und der Weg zurück wäre ganz einfach zu lange, um ohne Wasser auszukommen. Handyempfang ist in dieser Gegend ohnehin völlig illusorisch. Wasser ist aber genau das Stichwort, das uns jetzt Probleme bereitet. Zuerst habe ich nichts mehr zu trinken, bekomme aus den Trinkflaschen der anderen noch ein wenig Wasser. Dann geht es uns allen aus.

Manche Trips sind nicht als Abenteuer geplant. Und plötzlich ist man doch mittendrin in einer Situation, die brisant werden könnte. Die der gesamten Truppe ihre ganze Energie abfordert.

Als uns die Sonne bei erneut eisigen fünf Grad begrüßt, sind wir schon unterwegs. Zunächst ist die Strecke zumindest teilweise noch relativ flach und damit leicht zu fahren. Wir kommen gut voran, denn inzwischen haben wir uns an die Bikes gewöhnt, die Muskulatur hat sich darauf eingestellt, mehr leisten zu müssen als gewöhnlich.

Es wird schnell wärmer, und da wir damit gerechnet hatten, hatte es heute, um Zeit zu sparen, nur ein Frühstück im Stehen gegeben. Ein paar Müsliriegel, Joghurt und Kaffee. Später soll es dafür ein Brunch geben.

Als die Dünen nun richtig hoch werden, wird der tatsächliche Sinn eines Fatbikes klar. Unser Guide Leander hatte schon vor der Tour gesagt: „Fatbiken ist eine neue Dimension des Radfahrens. Du kommst an Stellen, die du mit einem normalen Rad niemals befahren kannst. Und mit sonst auch keinem Fahrzeug.“

Es stimmt: An einem hohen Dünenkamm entlang bis an die Spitze einer Düne, daran würde sicher auch eine Cross-Maschine scheitern, und die Abfahrt wäre ein echtes Wagnis. Ganz locker ist die Abfahrt mit dem Fatbike aber auch nicht.

Nachdem ich mich bis an die Spitze gekämpft habe, fällt unter mir eine Flanke wie im Hochgebirge ab. Und dort soll ich jetzt runter? Mit Skiern, kein Problem. Aber mit dem Bike. „Nicht bremsen, einfach sausen lassen“, sagt Leander, mahnt mich aber, den Hintern und den ganzen Oberkörper möglichst nach hinten, fast bis aufs Hinterrad zu verlagern. Vor allem, um nach dem abrupten Ende der Düne im Flachen nicht vom Rad geschleudert zu werden. Dass der Sattel dann einen gewaltigen Stoß in den Magen versetzt, ist ein anderes, aber fast zwangsläufiges Erlebnis.

Ich bremse von Beginn an und kann mich allenfalls nach der ersten Hälfte der Düne überwinden, die hintere Scheibenbremse zu lösen. Dann rase ich in irrwitziger Geschwindigkeit auf das buschige Tal in Richtung der nächsten Düne zu. Der Schlag auf der ebenen Fläche ist heftig, kurzzeitig droht das Rad auszubrechen, nur mit Gewalt schaffe ich es, das Bike zu stabilisieren – und muss dann schon wieder wie verrückt strampeln, um den nächsten Sandberg nach oben zu kommen. Ansonsten müsste ich schieben. Adrenalin pur, gekoppelt mit höchster Anstrengung – eine interessante, aber zehrende Mixtur.

Während wir irgendwann immer mehr Spaß haben an dem Auf und Ab, ist die einzige Frau bei der Tour, Yvonne, skeptisch. Sie hat Höhenangst, und dass das Bike so schnell beschleunigt, ist ihr unheimlich. Ralf kann argumentieren, betteln, schimpfen und motivieren wie er will: Wenn ihr der Sandberg zu hoch ist, schiebt Yvonne ungerührt und konsequent das Fatbike nach unten.

Dass die Wüste unerbittlich ist, erfahren wir auf dieser Tour immer wieder. Heute ist das beste Beispiel dafür ein verendetes Oryx, eine Antilope, die auf der Suche nach Wasser wohl nicht mehr weiterkam und verdurstete. Mit verdrehtem Kopf liegt sie halbverwest in der Wüste und ist nur noch Nahrung für Hunderte von Fliegen, die irritierender Weise selbst hier, in einer der trockensten Gegenden der Erde zu finden sind.

Wir haben schon seit eineinhalb Stunden keinen Funk-Kontakt mehr zu den Begleitfahrzeugen. Grundsätzlich ist das auch kein Problem. Es ist völlig klar, dass die Fahrzeuge oder wir immer wieder in einer Senke der Düne sind und deshalb nicht erreicht werden können. Dass wir so lange keinen Kontakt mehr bekommen, ist aber schon eigenartig. „Die müssen irgendwie feststecken“, sagt Leander beunruhigt: „Das kann durchaus dauern, bis die sich wieder freigeschaufelt haben.“

Die Dünen sind auch der Grund, warum es nicht denkbar ist, mit nur einem Fahrzeug unterwegs zu sein. Würde das eine Fahrzeug eine Panne haben und eventuell auch noch das Satellitentelefon ausfallen, wüsste kein Mensch mehr, wo wir zu finden sind. Und der Weg zurück wäre ganz einfach zu lange, um ohne Wasser auszukommen. Handyempfang ist in dieser Gegend ohnehin völlig illusorisch.

Wasser ist aber genau das Stichwort, das uns jetzt Probleme bereitet. Zuerst habe ich nichts mehr zu trinken, bekomme aus den Trinkflaschen der anderen noch ein wenig Wasser. Dann geht es uns allen aus.

 

 

Leander zieht die Notbremse. „Wir müssen hier warten, bis wir wieder Funkkontakt haben oder Autos sehen,“ sagt er. Weiterzufahren, um bis zum Meer und danach eventuell sogar zu unserem Camp zu kommen, ist zu riskant, weil zu weit. Es ist zwar ein bewirtschaftetes Camp, doch bis zum Atlantik haben wir noch mindestens vier Stunden und dann geht es am Strand entlang auch noch lockere 15 Kilometer auf dem Rad entlang, bis wir in dem Camp an der Skelettküste angekommen sind.

Zurückzufahren ist momentan auch keine sehr verlockende Idee. Wir gehen zwar davon aus, dass die Fahrzeuge auf unseren Spuren fahren, sicher wissen können wir das aber nicht. Nicht, dass wir uns dann verpassen und uns gegenseitig den ganzen Tag lang suchen. Ohne Wasser  eine Katastrophe. Also setzen wir uns in der Mittagshitze auf eine Düne, hoffen und warten.

Es wird immer heißer. Die Sonne prallt fast senkrecht und unerbittlich auf uns herab, wir versuchen uns mit Tüchern schützen, ich baue mit der Windjacke und zwei Fahrrädern einen kleinen schattigen Unterstand.

Leander versucht ständig, mit seinem Funkgerät Kontakt herzustellen. Vergeblich. Ganz ruhig sitzen wir da, über zwei  Stunden lang, schauen in die endlose, leere Wüste hinaus,. Nichts regt sich. Irgendwie ist es eigenartig. Natürlich hatten wir damit gerechnet, eine etwas abenteuerliche Tour zu erleben, aber so abenteuerlich musste es dann doch nicht sein. Da ich nun nicht einmal mehr einen kleinsten Schluck Wasser habe, erlebe ich, wie mein Durst langsam übermächtig wird. Ich sauge sogar eines dieser verhassten Energie-Gels aus, um nur etwas Flüssigkeit zwischen die Lippen zu bekommen. Vor allem aber erkenne ich, wie brutal es sein muss, sich in der Wüste verlaufen zu haben. Eineinhalb Tage soll man es aushalten ohne Wasser, momentan ist mir rätselhaft, wie das funktionieren soll.

Plötzlich springt Leander auf: „Das sind sie“, ruft er. Seine Erleichterung ist fast körperlich zu spüren. Immerhin hat er die Verantwortung für die Truppe.

Locker, wie er eben ist, hat er sofort einen Scherz auf Lager:  „An alle, die jetzt ihr Testament schon gemacht haben. Das könnt ihr wieder wegwerfen.“ Wie in einem Dokumentarfilm über eine Expedition in der Wüste kommen die beiden Fahrzeuge, ein Landrover und ein VW Amarok, beide hoch bepackt, über die Dünen in unsere Richtung geschaukelt.

Mein einziges Ziel ist, sobald das Fahrzeug vor uns steht, der kleine Hahn unter dem Jeep, aus dem unser Trinkwasser plätschert. Einen halben Liter schütte ich sofort runter, dann geht es wieder einigermaßen.

Wir sind heilfroh dass die beiden Fahrzeuge wieder bei uns sind. Wie vermutet hatte sich eines der Autos, der Jeep, festgefahrenen. „Wir sind in einer Sandkuhle festgesteckt,“ sagt Schakal, der Fahrer des Jeeps: „Und wir haben mindestens einenKubikmeter Sand unter ihm rausgeschaufelt, bis wir wieder weggekommen sind.«

So schnell wie die Stimmung von bedrohlich zu entspannt schwankte, so schnell wechselt sie jetzt aber wieder zurück in Richtung Realität. „Wir haben zwei Stunden verloren, die müssen wir irgendwie versuchen, wieder aufzuholen. Sonst schaffen wir es heute nicht mehr an den Atlantik“, sagt Leander.

Doch der Ozean ist heute schon gedanklich so weit entfernt, dass wir uns überhaupt nicht vorstellen können irgendwann auf ihn zu treffen. Schauen wir in Richtung Westen, sehen wir nichts anderes als ein unfassbar großes Wellenmeer, das genau der Bilderbuchvorstellung einer endlosen Sandwüste entspricht.

Also geht es nach einem schnellen Mittagessen, einfach ein paar Brote und Toasts, sofort weiter. Vom geplanten Brunch kann keine Rede mehr sein, sonst erreichen wir unser Tagesziel niemals.

Also sitzen wir 15 Minuten nach der Ankunft der beiden Fahrzeuge schon wieder auf dem Rad. Doch das Fahren wird immer mühsamer. Zum einen zeigt das Thermometer nun 39 Grad an zum anderen wechseln sich die harten und weichen Passagen im Sand immer mehr ab. Immer öfter sind wir gezwungen, schnell vom Rad abzuspringen, bevor wir aufgrund der sinkenden Geschwindigkeit umkippen, um die nächsten Meter bergauf zu schieben.

Manchmal schieben wir auch in halbwegs geradem Gelände zehn Minuten, bis wir wieder auf härteren Untergrund stoßen. Dann wieder jähe Abgründe, die vor allem Yvonne schockieren – und zum Schieben veranlassen. Wir anderen fahren mit Respekt aber doch inzwischen relativ flott die Sanddünen, die oft genug die Größe von Mehrfamilienhäusern erreichen, nach unten.

Dann steckt der Jeep erneut fest und muss frei geschaufelt werden. Wir Radler fahren inzwischen weiter.

„Hört Ihr den Atlantik“, sagt Leander plötzlich und lauscht in Richtung Westen. Ja, tatsächlich. Es ist, wenn auch noch ziemlich leise, die Brandung zu hören. Ein wenig skurril ist diese Situation. Mitten in einer unendliche Sandwüste zu stehen und das Donnern des Atlantiks zu hören.

Wir glauben schon, bald am Strand zu sein, aber das ist ein Irrtum. Stunde um Stunde kämpfen wir uns weiterhin die Dünen hinauf und brausen – oder bremsen, je nachdem, wieder nach unten.

Plötzlich ploppt etwas an meinem Mantel. Der schlauchlose Reifen hat sich von der Felge gelöst, ich kann nicht mehr weiter. Siggi, unser zweiter Guide, schafft es mithilfe einer Sauerstoffkapsel den Reifen wieder aufzupumpen. Es geht weiter. Kurz danach reißt Hermann die Kette seines Fahrrades. Das Sigi, der die Truppe nach hinten absichert, aber keine Kette dabei hat, müssen die beiden warten, bis das Begleitfahrzeug, das noch immer nicht frei geschaufelt ist, bei ihnen ist.

Ralf, unser stärkster Fahrer, stützt sich eine halbe Stunde später versehentlich bei einem kurzen Stopp seitlich auf den Reifen. Der löst sich zu seinem Entsetzen auf breiter Linie von der Felge. Da kann Siggi nun auch nichts mehr ausrichten. Wir fahren weiter, während die beiden erneut auf das Begleitfahrzeug warten.

Yvonne kann irgendwann gar nicht mehr. Sie schiebt nun teilweise auch im Flachen, während ich, der inzwischen alleine mit ihr unterwegs bin, versuche, gute Laune zu verbreiten. Ich bin zwar auch völlig fertig, möchte sie aber immer immerhin emotional ein Stück nach vorne bringen. Meistens gelingt es mir auch – ein paar dumme Witze helfen in Situationen wie diesen fast immer.

Irgendwann holt uns Ralf ein. Als er versucht, über eine kurze flache Strecke möglichst schnell zu uns auf die andere Seite zu kommen, trifft er erneut auf ein weiches Sandfeld. Das Rad bleibt abrupt stehen, er muss schieben. Nun reicht es auch ihm. „Verdammte Scheiße. Ich mag nicht mehr,“ brüllt er in den Sand. Niemand antwortet. Nicht einmal wir.

Langsam beginnt es zu dämmern, und wir müssen einfach vorankommen. Wir wissen genau, dass die Dämmerung nicht lange anhalten wird und es nicht nur unangenehm und dunkel , sondern vor allem eiskalt wird, wenn die Sonne weg ist. Doch das Meeresrauschen wird immer stärker. Es kann doch nicht sein, dass wir noch weit weg sind, wenn die Brandung zwischen den Sandbergen so deutlich zu hören ist?

Aber dann öffnen sich tatsächlich die Dünen und geben den Blick auf den Atlantik frei. Wir sind erst erleichtert, dann sogar ein bisschen euphorisch. Vielleicht sogar glücklich, eine hammerharte Tour aus der Mitte Namibias an den Atlantik gefahren zu sein? Vielleicht ein bisschen!

Und egal wie fertig wir sind, egal wie lange es heute noch dauert: Aber dieses Bild muss sein. Gemeinsam stehen wir am Ende dieser Sandberge, hinter uns der Atlantik, wir fotografieren uns gegenseitig. Es war ein harter Trip heute, aber gemeinsam haben wir es geschafft. Das entscheidende  Zwischenziel immerhin ist erreicht.

Auch wenn wir wissen dass damit der Tag noch nicht zu Ende ist. Gute 15 Kilometer sind es noch am Strand entlang bis zum Camp Namab, an dem wir zwei Tage verbringen werden. Feste Zelte, bequeme Betten, fließendes Wasser, es wird eine Wohltat sein.

Das Panorama an diesem letzten Radabschnitt heute wäre traumhaft , wenn wir es richtig genießen könnten. Links der Ozean, rechts, nur 20 Meter entfernt Sanddünen, die weit die Höhe reichen. Aber jetzt geht es nur noch darum, anzukommen. Eine knappe Stunde später, es ist jetzt dunkel, erreichen wir das Camp. Ein einsames Wüstencamp, 200 Meter vom Strand entfernt. Aber immerhin gibt es jetzt heißen Kaffee für die innere Wärme und ein großes Lagerfeuer wärmt von Außen. Alle sind völlig fertig, die Radtrikots mit ihren Salzrändern kleben an unseren Körpern. Jetzt nur noch duschen, etwas essen und dann endlich hinlegen und schlafen.

Es war der mit Sicherheit anstrengendste Tag, und eigentlich das erste Finale dieser Tour. Mitten durch die Wüste werden wir jetzt nicht mehr fahren, nur noch weitgehend am Strand entlang.

Aber trotz der Anstrengung war dieser Tag ein Erlebnis, das ich auf keinen Fall vermissen wollte. Wahrscheinlich sind genau die Momente, die man als am kräftezehrendsten und und emotional schwierigsten erlebt, die Punkte im Leben, die bis zum Schluss bleiben. Die unvergesslich sind, und die es letztlich auch Wert waren, erlebt zu werden.

Weitere Touren von Gerhard von Kapff finden Sie auf dieser Seite, aber auch auf www.abenteuer-zum-nachmachen.com. Zusätzliche Infos sind auf der Seite www.abendsonneafrika.de zu finden.

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