Barfußschuhe – ein Test unter realen Bedingungen
Barfußschuhe gelten schon seit ein paar Jahren als hip. Die Frage ist nur, ob man sich mal wieder etwas überflüssiges ins Schuhregal stellt oder ob es sich tatsächlich lohnt, die Schuhe einmal auszuprobieren. Billig sind die Schuhe nämlich nicht. Wer Markenschuhe kauft, zahlt im regulären Verkauf leicht 160 Euro. Als einstiger Sportredakteur und heutiger Reisejournalist bin ich erst einmal skeptisch, als mir die Firma Vivobarefoot über ihre PR-Agentur Barfußschuhe zum Test anbietet. Die klare Vorgabe von meiner Seite: Ich führe einen Test des Modells Primus Trail Flow unter realen Bedingungen und über Wochen durch – und schreibe ganz offen, falls ich die Schuhe oder das Konzept überflüssig oder schlecht finde.
Um zumindest ein grobes Ergebnis anzureißen: Ich finde sie zunächst gewöhnungsbedürftig, dann aber immer angenehmer, und war überrascht, dass sie auch auf einer kleinen, flachen Bergwanderung über acht Stunden sehr gut funktionierten. Meine Frau, die das Primus Trail Knit FG-Damenmodell testete, machte ähnliche Erfahrungen. Ich möchte sie jedenfalls nicht mehr missen. Doch jetzt ins Detail:

Wer war der Erfinder?
Wer kam auf die Idee, Schuhe ohne Dämpfung anzubieten. Vor allem, nachdem Legionen von Verkäufern die Vorzüge gedämpfter Schuhe auf die Gelenke gepriesen hatten. Als Erfinder des modernen Barfußschuhs gilt der Südtiroler Kletterer und Industriedesigner Robert Fliri. Er entwickelte Ende der 1990er Jahre die Idee, weil er sich in herkömmlichen Berg- und Kletterschuhen eingeengt fühlte und sich ein natürlicheres Bodengefühl wünschte. „Ich bin ein Kind der Berge, habe als Holzfäller gearbeitet und lange Zeit auf dem Hof meiner Großeltern oberhalb von Naturns in Südtirol verbracht“, erzählte er in einem Interview: „Ich habe immer einen engeren Kontakt zur Natur gesucht und begann nach und nach, auch in den Bergen barfuß zu gehen.“
Erste Schuhe schon 2005
Fliri entwarf daraufhin die ersten Prototypen eines separaten Zehenschuhs, den der italienische Sohlenhersteller Vibram im Jahr 2005 unter dem Namen Vibram FiveFingers auf den Markt brachte. Andere Hersteller, wie auch die von mir getestete Marke Vivobarefoot, folgten dem Trend.

Ungewöhnliche Schuhform
Doch wie sehen die Barfußschuhe aus? Grundsätzlich fallen sie etwas größer als normale Schuhe aus, so dass man eventuell eine kleinere Größe als üblich wählen muss. Dazu kommt, dass sie im Zehenbereich deutlich breiter sind. Ein nicht zulaufend spitz geschnittener, sondern breiter, fußförmiger Zehenraum lässt den Zehen Platz, um sich beim Gehen zu spreizen oder im Sitzen bewegen zu können.
Grundsätzlich sind Barfußschuhe an der anatomischen Passform eines gesunden Fußes ausgerichtet. Zusammengefaßt: Der Vorderfuß ist breiter geschnitten, die Sohle ist dünn und flexibel und es gibt keine Spengung, also keine Höhendifferenz zwischen Vorfuß und Ferse. Laut Vivabarefoot fördert das die richtige Körperhaltung, führt zu weniger Gelenkschmerzen und einem besseren Gleichgewicht bei jedem Spaziergang oder jeder Wanderung.

Arbeit für die Fußmuskulatur
Erstaunlich ist, dass die Schrittlänge durch die spezielle Form der Schuhe kleiner ist, dadurch eine höhere Schrittfrequenz und eine bessere Balancefähigkeit beobachtet wurde. Diese entsteht durch Rückmeldungen des Körpers auf Unebenheiten im Untergrund, die durch Rezeproren an der Fußsohle wahrgenommen werden. Da der Fuß gezwungen wird, sich an den Untergrund anzupassen, werden die Muskeln gefordert, die an den Zehenknochen ansetzen. Sie sind aktiv – im Gegensatz zu geschlossenem, engem Schuhwerk. Dadurch wird die Blutzirkulation in den Füßen angeregt und die Fußmuskulatur gefördert.

Die dünne Sohle: überraschend angenehm
Ich spürte beim Test sehr wohl, dass ich durch die relativ dünne Sohle die Struktur des Untergrundes spüren konnte. Also auch Steine, Wurzeln oder kleine Unebenheiten auf Waldpfaden. Erstaunlicherweise war das aber nicht unangenehm. Immerhin sind die Füße durch die Sohle vor scharfen Gegenständen, Schmutz und Nässe geschützt und sie besitzen im Zehenbereich einen „Prallschutz“, der verhindert, dass man sich an den Zehen verletzt. Ich empfand es gerade auf einer kleinen Wanderung über meist Wald- und Wanderwege auf dem Pfänder am Bodensee sehr angenehm und interessant, von der Bodenstruktur etwas mitzubekommen. Gerade bei dieser etwa achtstündigen Wanderung habe ich gespürt, wie sich die ganze Laufbewegung durch die Barfußschuhe ändern – ich hatte das Gefühl, dass ich mich mehr und natürlicher bewege als auf vergleichbaren Wegen. Seitdem ziehe ich sie immer öfter, auch als ganz normalen Straßenschuh an. Achtung allerdings: Das sind keine Bergschuhe. Die Wanderung auf dem Pfänder ist ein langer, flacher Rundweg ohne größere Steigungen und vor allem ohne Absturzgefahr.

Allenfalls 350 Gramm am Fuß
Zu dem Gefühl, „leichter“ unterwegs zu sein, führt sicher auch, dass das Gewicht liegt bei Barfußschuhen meist deutlich unter 350 g liegt. Ob mit oder ohne Socken, ist sicher eine persönliche Frage und eine der Witterung. Klar, wer ohne Socken unterwegs ist, tut gut daran, die Schuhe wie jedes andere Schuhwerk halt auch, nach längerem Gebrauch ordentlich auszulüften.

Ein bisschen Eingewöhnungszeit braucht man
Noch ein paar Tipps: Der Umstieg auf Barfußschuhe erfordert ein wenig Geduld, da sich Muskeln, Sehnen und Bänder nach Jahren in steifen Schuhen erst langsam reaktivieren müssen. Daher langsam starten und die Schuhe anfangs nur 30 bis 60 Minuten pro Tag tragen und mit dem Untergrund variieren. Beginnt auf weichen Böden wie Gras, Waldboden oder Sand. Bei eventuellem Muskelkater oder sogar Schmerzen in den Waden sofort eine Pause einlegen und eventuell dehnen.
Die richtige Gehtechnik ist wichtig, ergibt sich aber meist automatisch beim Laufen:
- Kein brutaler Fersenlauf: Setzt die Ferse nur ganz sanft auf oder nutzt den Mittelfußlauf.
- Knie leicht beugen: Gestreckte Beine leiten den Stoß ungedämpft in die Gelenke und die Wirbelsäule weiter.
- Barfuß üben: Geht zu Hause so oft wie möglich komplett barfuß, um die Fußmuskulatur zu stärken.
Tipps für den Schuhkauf
Socken-Check: Nutzt Zehensocken oder sehr flexible Socken, um die Zehenfreiheit nicht einzuschränken. Oder eben ohne Socken verwenden.
Zentimeter-Regel: Vor den Zehen sollte im Stehen etwa zwölf Millimeter Platz zum Abrollen sein.
Wer tiefer in das Thema Barfußschuhe einsteigen will, findet auf der Homepage von Vivobarefoot nicht nur Barfußschuhe für die unterschiedlichsten Bewegungsarten, also auch beispielsweise in der Bergschuh-Variante zu kaufen (was mich nun wirklich einmal interessieren würde). Sondern es sind ziemlich detaillierte Informationen, die gut aufbereitet sind und den werblichen Charakter weitgehend außen vor lassen nachzulesen.

Unser Fazit
Ich war zugegebenermaßen sehr skeptisch, möchte die Schuhe heute aber nicht mehr hergeben. Sie sind eine gute Ergänzung zum normalen Schuhwerk und vor allem im Sommer und an warmen Tagen angenehm. Das Laufen war zunächst ungewohnt, da ich es nicht mehr kenne, richtig flach zu laden, aber das Gefühl dabei wurde immer besser. Der Grund ist, dass ich ohnehin weiß, aufgrund meiner sitzenden Tätigkeit eine zu unbewegliche Fußmuskulatur zu haben. Nach einem Spaziergang mit den Schuhe habe ich das Empfinden, meinen Füßen bzw vor allem der Muskulatur etwas Gutes getan zu haben.
Optisch war ich zunächst wenig begeistert von dem im Zehenbereich breiteren Fußbett. Inzwischen gefällt es mir sogar. Das Fazit ist also rundum positiv. Vor allem bei Spaziergängen insbesondere auf unbefestigten Wegen sind die von mir getestetem Barfußschuhe von Vivobaraefoot (hier der Link, ich bekomme keine Provision oder Ähnliches) eine so angenehme, erdige Alternative, dass ich, wenn es nicht gerade schüttet oder schneit, jederzeit normalen Schuhen vorziehen würde.
Interessant auch: Freunde von uns tragen seit Jahren im Sommer Barfußschuhe. Sie haben exakt die gleichen Erfahrungen wie wir gemacht. In Bezug auf die Gewöhnung, die Bequemlichkeit und das Gefühl, etwas erdverbundener unterwegs zu sein.
Für diejenigen, die alle Details auch über die Materialien des von mir getesteten Materials wissen wollen:
OBERMATERIAL
100 % recyceltes Polyestermesh, TPU-Overlays; 48 % recyceltes thermoplastisches Polyurethan (rTPU), 42 % TPU, 10 % Polyurethan (PU)
FUTTER
Kragenfutter: 100 % recyceltes Polyester (rPET), Zungenfutter: 80 % rPET, 20 % PU
SCHNÜRUNG
100 % rPET-Schnürsenkel
LAUFSOHLE
Zwischensohle: 100 % expandiertes thermoplastisches Polyurethan (E-TPU), Außensohle: 30 % synthetischer Gummi + 24 % Nitrilkautschuk + 20 % Naturkautschuk (Latex) + 18 % Füllstoffe + 8 % Vulkanisiermittel

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